1.
Ein Fuß­baller namens Socrates? Wäh­rend die Fuß­ball­idole der Gegen­wart eher öde Vor­namen a lá Lionel, Cris­tiano, Wayne oder Mario tragen, ent­schloss sich Papa Socrates seiner Vor­liebe für Welt­li­te­ratur Aus­druck zu ver­leihen. Mein Vater hatte gerade Die Repu­blik´ von Plato gelesen, als ich zur Welt kam“, erin­nerte sich der Junior einst. Die Folge: Seinen Erst­ge­bo­renen nannte der alte Herr Socrates, die beiden Nächst­jün­geren Sosthenes und Sopho­kles, ehe die große Rai-Phase“ begann: Rai­mundo, Raimar, Rai. Rai trat 1994 in die Fuß­stapfen seines großen Bru­ders und führte Bra­si­lien zum WM-Titel.

2.
Den Spitz­namen O Doutor“, Doktor“, hatte sich Socrates red­lich ver­dient: Neben seiner Tätig­keit als bezahlter Fuß­baller brachte er ein Medi­zin­stu­dium, Schwer­punkt: Kin­der­me­dizin, zu Ende. Um sich nicht mit wütenden Trai­nern und unnach­gie­bigen Ver­eins­prä­si­denten herum schlagen zu müssen, hatte sich der Doktor die Frei­stel­lungen für Stu­dium und Beruf sogar per Klausel in seinen ersten Ver­trag mit Bota­fogo SP schreiben lassen.

3.
Der 1,92 Meter lange Mit­tel­feld­mann hatte seinen Ruf als Fuß­ball-Intel­lek­tu­eller schnell weg. Weil er nicht nur Medizin stu­dierte, son­dern sich im dik­ta­to­ri­schen Bra­si­lien Anfang der acht­ziger Jahre auch poli­tisch enga­gierte. 1982, als Super­star der Corin­thians, grün­dete Socrates die Domo­cracia Corin­thiana“, eine Art Spie­ler­be­we­gung, die sich offen für die Demo­kra­ti­sie­rung Bra­si­liens ein­setzte. Vor den Lan­des­wahlen am 15. November 1982 führte der Mit­tel­feld­spieler seine Kol­legen mit selbst bestickten Tri­kots auf das Feld. Auf der Rück­seite der Leib­chen prangte in fetten Let­tern: Dia 15 Note“, zu deutsch: Wählt am fünf­zehnten!“

4.
Der für einen pro­fes­sio­nellen Fuß­ball­verein so unge­wöhn­liche Akti­vismus infi­zierte bald den gesamten Klub. Wir haben jede Ent­schei­dung im Kol­lektiv getroffen. Der ein­fachste Ange­stellte, vom Spieler bis zum Platz­wart, hatte das gleiche Stimm­recht“, erklärte Socrates sein Gleich­heits­prinzip einst im Inter­view. Doch nicht bei allen Kickern stieß dieses Polit-Enthu­si­asmus auf Begeis­te­rung. Socrates: Die Neuen waren am Anfang wirk­lich ver­zwei­felt: Warum spricht hier nie­mand über Fuß­ball?´“

5.
Schon Zeit seiner Kar­riere tat der Bra­si­lianer alles dafür, um als Lebe­mann der Fuß­ball­szene kata­lo­gi­siert zu werden. Stau­nend und ehr­fürchtig berich­teten Jour­na­listen dar­über, wie Socrates bei stun­den­langen Inter­views zehn Gläser Bier und ein gutes Dut­zend Ziga­retten“ ver­putzte. Umso tra­gi­scher klingen diese Geschichten heute, da der Doktor mit nur 57 Jahren an den Folgen über­mä­ßigen Alko­hol­kon­sums zu Grunde gegangen ist. Sein Kom­mentar anno 1984 wollen wir euch den­noch nicht vor­ent­halten: Ich bin kein Athlet. Ich bin Künstler!“

6.
1984 wagte Socrates auch den Sprung nach Europa, für knapp 8,5 Mil­lionen D‑Mark sicherte sich der AC Flo­renz die Dienste des Welt­stars. Eine ver­häng­nis­volle Affäre: Nach nur 25 Spielen (immerhin: sechs Tore) und einem halben Jahr Dienst­zeit zog es Socrates wieder nach Bra­si­lien. Die ita­lie­ni­sche Presse hatte den hoch­ge­lobten Ball­künstler zuvor mit ziem­lich derben Kom­men­taren auf die Heim­reise geschickt. Socrates, der ein halbes Jahr zuvor große Pläne ange­kün­digt hatte („Ich will den ita­lie­ni­schen Fuß­ball demo­kra­ti­sieren!“), schoss umge­hend zurück: Die Leute in Flo­renz haben keine Hei­ter­keit, über­haupt nicht. Dabei sollen die Ita­liener noch die fröh­lichsten Men­schen in ganz Europa sein!“

7.
Socrates – das ist auch Syn­onym für den joga bonito“, den schönen Fuß­ball made in Bra­si­lien. 1986, im Vier­tel­fi­nale gegen den amtie­renden Euro­pa­meister aus Frank­reich, erlebte diese Stil­epoche wohl seinen Höhe­punkt in einem spek­ta­ku­lären Spiel. Dass Bra­si­lien letzt­lich an den Euro­päern um Michel Pla­tini schei­terte, lag auch an Socrates. Nicht nur dass er seinem Kol­legen Zico beim Stand von 1:1 in der 73. Minute eine Fehl­in­for­ma­tion gab (Zico: Socrates hat mich zum Punkt geschickt und mir die Ecke gesagt. Es war die fal­sche.“), im Elf­me­ter­schießen schei­terte zusätz­lich an Frank­reichs Tor­wart Bats.

8.
2004, 14 Jahre nach dem Ende seiner eigent­li­chen Fuß­bal­ler­kar­riere, ließ sich Socrates für einen PR-Coup des Briten Simon Clif­ford ein­spannen – und kam zu einem Ein­satz für den eng­li­schen Neunt­li­gisten Gar­forth Town, dessen Besitzer eben­jener Clif­ford war. Clif­ford, der zuvor in nur acht Jahren sage und schreibe 700 eng­li­sche Fuß­ball­schulen ins Leben gerufen hatte, ver­sprach sogar noch mehr Stars: Nächste Saison kommt Careca und auch Zico ver­sucht alles, um zu kommen.“ Von einem festen Enga­ge­ment, wie über­eif­rigen Medien zunächst berich­teten, konnte dann aber doch keine Rede sein. Socrates: Ich soll ein Exhi­bi­tion-Match bestreiten, für mehr als 15 Minuten wird es aber wohl nicht rei­chen. Ich bin schließ­lich 50 Jahre alt!“ Nach­trag: Socrates spielte schließ­lich tat­säch­lich mit – zwölf Minuten lang.

9.
Berufs­be­zeich­nungen sam­melte Socrates wie andere Leute Brief­marken. Hier eine mög­li­cher­weise sogar noch unvoll­stän­dige, Über­sicht: Fuß­baller, Kin­der­arzt, Polit­ak­ti­vist, Maler, Schrift­steller, Poli­tiker, Kolum­nist, Kom­po­nist, Dra­ma­turg.

10.
Am 4. Dezember 2011 starb Socrates in Sao Paulo an den Folgen einer durch eine Darm­in­fek­tion ver­ur­sachten Sepsis. Bereits im August war er mit Magen­blu­tungen und einer ent­zün­deten Leber ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert worden, nach seiner Ent­las­sung machte Socrates sein Alko­hol­pro­blem öffent­lich – es war auch schon längst nicht mehr zu über­sehen. Kurz nachdem er Monate später erneut ein­ge­lie­fert wurde, schrieb Socrates eine letzte Nach­richt an seine Face­book-Freunde: Unter­stützt mich wei­terhin. Wir gewinnen. Das Leben ist die pure Freude. Danke, Danke, Danke.“ Wenig später war Socrates tot.

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In der neuen Aus­gabe von 11FREUNDE lest Ihr das letzte Inter­view des Fuß­bal­lers, Medi­zi­ners und Lebens­künst­lers Socrates. Geführt von David Try­horn, einem eng­li­schen Fil­me­ma­cher und guten Bekannten des bra­si­lia­ni­schen Super­stars.

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